2024 war ein Jahr mit sehr vielen Konzerten (Rückblickend weiß ich gar nicht, wie ich die konzertfreie Corona-Zeit überstanden habe), und deshalb fällt es mir schwer, einzelne Highlights herauszupicken.
Besonders nachdenklich stimmt mich dabei, wie viele dieser Konzerte im Rahmen von Abschiedstouren oder 30/40-jährigen Jubiläumstouren stattfanden. Vorsicht, bahnbrechende Erkenntnis: Die Bands, die mich seit Jahren begleiten, deren Musik mein Leben geprägt hat, sie werden älter – genau wie ich. Dennoch – oder gerade deswegen – waren diese Konzerte von einer ganz besonderen Intensität geprägt. Vielleicht liegt es ja daran, dass sowohl Künstler als auch Publikum wissen, dass solche Momente kostbar und endlich sind. Aber genug Pathos - hier meine fünf Highlights aus 2024 (und nochmal 5, die es nur auf die Longlist geschafft haben):

© Sebastian Kuhn 2024
Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich boysetsfire live gesehen habe – es dürften zwischen 17 und 20 Mal gewesen sein. Das erste Konzert ist mir noch lebhaft in Erinnerung: Im Herbst 2000 im Jugendzentrum Hammerschlag in meiner Heimatstadt Schorndorf. Seither hat mich boysetsfire stetig begleitet – zwischen ~18 und ~25 als absolute Lieblingsband, später zwar mit etwas mehr Distanz, aber dennoch immer mit einer tiefen Verbundenheit. Jetzt ist nach rund 30 Jahren Schluss, die Band hat sich nach der Jubiläumstour aufgelöst…
Das Highlight des Abends war für mich nicht der Headliner Long Distance Calling, sondern die Vorband Leech. Nicht falsch verstehen: Ich liebe Long Distance Calling – ich habe die Band allerdings auch schon unzählige Male gesehen. Leech hingegen war eine der ersten Bands, die mich vor vielen Jahren in das Post-Rock-Genre gezogen hat, und ich hatte bisher nie die Gelegenheit, sie live zu erleben. Das Konzert war einfach grandios. Auch live sind Leech im besten aller Sinne ausladend - bis ins kleinste Detail perfekt strukturiert und arrangiert und mit einer unglaublichen Dynamik.

© Sebastian Kuhn 2024

© Sebastian Kuhn 2024
Ich hätte in den letzten Jahren mehrfach die Chance gehabt, Soen live zu sehen - und immer kam irgendwie irgendwas dazwischen. Auch diesmal wäre es fast schief gegangen, denn das Konzert war schon früh ausverkauft. Mit Glück habe ich ein paar Tage vorher noch zwei Karten via Kleinanzeigen ergattern können - und Soen waren in absoluter Bestform. Die technische Präzision der Band ist beeindruckend - und vor allem wirkt hier nichts gekünstelt oder virtuos zum Selbstzweck.
Ich kann nicht genau sagen was es ist, was mich an Hot Water Music seit bald 25 Jahren so fasziniert, aber keine andere Band findet so beständig über einen so langen Zeitraum immer wieder den Weg in meine Playlists. Live hat die Band in der Vergangenheit aber immer etwas gemischte Eindrücke bei mir hinterlassen - nicht so diesesmal. Chuck Ragans Stimme: Gänsehaut. Und Chris Cresswell - der mehr oder weniger “neue” zweite Sänger - hat auch Live seine Rolle mittlerweile gefunden. Nach 30 Jahren hat sich hier eine Band präsentiert, die nicht krampfhaft versucht, relevant zu bleiben - sondern eine Band, die relevant ist, weil sie sich treu bleibt und ihr Ding macht. Ich liebe es.

© Sebastian Kuhn 2024

© Sebastian Kuhn 2024
Und zum Abschluss nochmal so ein emotionales Ding: NOFX auf Abschiedstour (und das an meinem Geburtstag). Gleich bei den ersten Songs ("Dinosaurs Will Die" und "Stickin' in My Eye") hat's mich in den Moshpit mit hauptsächlich älteren Herren gezogen. Nach ca. fünf Songs ist mir direkt die Puste ausgegangen. Zwischendrin bin ich mal halb auf dem Boden gelandet, dabei das Handy verloren und nach dem Gig von freundlichen Amis wiederbekommen - da war also so ziemlich alles dabei, was man sich so wünscht. Higlight: “The Decline” (mit 18:20 einer der längsten Punk-Rock-Songs überhaupt) live.